Von Gottfried Graumantel bis Peter Abaelard:

Der Donjon von Le Pallet und seine Herren im Spiegel der Zeitgeschichte

© Dr. Werner Robl, November 2005

Galt bisher Le Pallet eher als unbedeutender Marktflecken der südlichen Bretagne und insgesamt als ein Nebenschauplatz in der Biographie Peter Abaelards, so muss sich diese Sicht jetzt ändern:

Der Donjon von Le Pallet, in dessen Schatten Peter Abaelard geboren wurde, ist ein historisches und architektonisches Kleinod!

Die ruinösen Überreste des Turmes, die erst kürzlich vom überwuchernden Dornengestrüpp befreit wurden und nun wieder zugänglich sind, repräsentieren nicht nur den größten, sondern mit einem Erbauungsdatum 984 auch den ältesten romanischen Viereck-Donjon des französischen Westens. Der Turm gehörte bis wenige Dekaden vor Abaelards Geburt nicht etwa zur Bretagne, sondern zum angevinischen Herrschaftsgebiet. Sein Erbauer war kein Geringerer als der legendäre Graf des Anjou, Gottfried Graumantel, der nahezu zeitgleich auch das burgundische Kloster, in dem Peter Abaelard später begraben werden wird, reformierte und ausstattete: Saint-Marcel bei Chalon.

Diese und andere Denkwürdigkeiten, die bisher von der etablierten Geschichtsschreibung übersehen wurden, ließen sich aus einem spärlichen Dokumentenschatz zu Le Pallet mittels eines Netzes von Indizien und Querverweisen zu anderen Quellen extrapolieren. Die Ergebnisse waren es wert, die gesamte mittelalterliche Geschichte von Le Pallet neu aufzurollen. Der dazugehörige Bericht, der insgesamt 415 DIN A4-Seiten umfasst, liegt hier in einer vorläufigen Version als e-Buch vor, welches von den Interessenten kostenfrei per Download bezogen werden kann:

Von Gottfried Graumantel bis Peter Abaelard: Der Donjon von Le Pallet und seine Herren im Spiegel der Zeitgeschichte

- Online-Buch im PDF-Format (ca. 5,5 MB), 415 Seiten DIN A 4, Version November 2005 -

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Die folgenden Auszüge finden sich innerhalb dieser Seiten auch in französischer Sprache. Vielen Dank an Henri Demangeau für die Übersetzung !

Inhaltsverzeichnis

In eigener Sache

Einleitung

Teil 1: Spurensuche

Der Burghügel von Le Pallet heute
Die architektonische Evidenz
Die dokumentarische Evidenz
Eine Datierungshypothese
Die physikalische Evidenz
Palatium - das Rätsel eines Namens
Die „Unzeiten“ des Palatium von Le Pallet
Petrus episcopus de Palatio

Teil 2: Le Pallet und das Nantais südlich der Loire - von den Anfängen bis ins Spätmittelalter


Von der Steinzeit bis zur gallorömischen Epoche
Die Zeit der Westgoten
Bischof Felix von Nantes und die Mission des Heiligen Martin von Vertou
Von den Merowingern zu den Karolingern
Der Kampf um Nantes und der Exodus der Mönche von Vertou
Die Zeit der bretonischen Könige
Zerstörung Le Pallets unter den Normannen
Die „Befreiung der Bretagne“ durch Alain Dröselbart
Das Nantais unter Fulko dem Guten

Gottfried Graumantel und sein Kampf im Westen
Die Geburt des Oppidum von Le Pallet
Strategische und politische Bedeutung des Turms von Le Pallet
Grundsätzliche Überlegungen zum Bau einer Garnisonsstadt des 10. Jahrhunderts
Das Priorat Saint Etienne und der erste Burgus von Le Pallet
Rainald von Thorigné und die Hegemonialpolitik des Anjou
Rainald von Thorigné und der Heilige Martin von Vertou
Offene Fragen zum ersten Burgherrn von Le Pallet
Die Erschließung der Mauges unter Gottfried Graumantel
Die Herren von Beaupréau
Die Festung Petit-Montrevault
Die westlichen Mauges bis Le Pallet
Das Oppidum und seine Einfriedung
Das Leben in einem Oppidum
Das Nantais zwischen Gottfried Graumantel und Fulko Nerra

Le Pallet und die neue Strategie Fulkos Nerra
Der Bruch mit dem Rainaldi-Clan
Rancune gegen Fulko Nerra in den Miracula Sancti Martini Vertavensis
Bischof Walter von Nantes und die Rennes-Partei
Die weitere Entwicklung im Anjou
Unruhen im Westen des Anjou
Zeitenwende: Die letzten Jahre Fulkos Nerra
Die Jahre zwischen 1040 und 1060

Der Aufstieg des Hauses Cornouaille
Sukzessionskrise im Anjou
Die Revolte Fulkos Normannus von Petit-Montrevault
Die Grafschaft Anjou und das Herzogtum Bretagne bis 1084
Die Restauration der Altrechte von Saint-Serge und Saint-Bach
Peter Abaelard – die Geburt eines mittelalterlichen Genies
Angevinisch-bretonische Allianz: Alain Fergent und Ermengard von Anjou
Kindheit und Jugend Peter Abaelards in Le Pallet
Die letzten Jahre Daniels de Palatio
Die Entstehung der Grenzmarken
Die Konversion von Abaelards Mutter Lucia
Ein Herr von Le Pallet namens Herveus
Fulko V. von Anjou und Conan III. der Bretagne
Heimataufenthalte Peter Abaelards – Heloïsa in Le Pallet
Renaissance des Weinbaus in Le Pallet
Mein de Palatio - der Letzte des Hauses Le Pallet ?

Die Sukzessionskrise in Nantes und die Morgendämmerung der Plantagenêts
Der Untergang des ersten Hauses Le Pallet
Die Assise des Herzogs Gottfried und ihre Folgen
Die Bretagne im Griff der Kapetinger
Der Rebell Theobald Crispinus von Champtoceaux
Regent-Herzog Peter I. von Dreux
Interim unter Yolande der Bretagne: Le Pallet und die Vizegrafschaft Rezé
Templer und Hospitaliter in Le Pallet
Die Familie Souvain
Erneute Sukzessionskrise im 14. und 15. Jahrhundert
Der Streich Margeritas von Clisson
Die Zerstörung des Donjon von Le Pallet

Ausblick: Le Pallet bis zur französischen Revolution

Resümee

Epilog

Chronologie

Quellen

Konzilsakte von Agde
Diplom Karls des Kahlen aus dem Jahr 862
Pancarta Ludwigs VI. von 1123
Schenkung des Tescelin von Grand-Montrevault
Schenkung des Hubert Borellus
Bestätigung Herzog Alains IV. Fergent, bzgl. einer Schenkung seines Vaters Hoël
Schenkung des Daniel de Palatio an das Kloster Marmoutiers
Schenkung des Hamo an Saint-Florent
Schenkung des Daniel de Palatio an Saint-Serge und Saint-Bach bei Angers
Schenkung des Guido von Saint-Quentin an das Kloster Saint-Serge und Saint-Bach in Angers
Trostbrief des Fulko von Deuil, gerichtet an Peter Abaelard
Auszüge aus Peter Abaelards Dialectica
Urkunde des Kloster Notre-Dame-du-Ronceray in Angers von 1128/1129
Urteil Conans III. über den Weinbau von Le Pallet
Auszüge aus Abaelards Historia Calamitatum
Chirograph für Saint-Sulpice-la-Forêt bei Rennes
Chronik Richards von Poitiers - Auszug
Charta über Abaelards Sohn Astralabius
Obituarium des Paraclet - Auszüge
Johann von Salisbury - Metalogicon
Bulle des Papstes Alexander III. von 1179
Urkunde des Seneschall Brientius Maillart über einige Lehen bei Rezé
Titel des Klosters Marmoutiers für das Priorat von Lamballe
Urkunde vom Juli 1247
Schenkung an die Abtei Villeneuve, anlässlich des Todes von Yolande de Dreux
Wechsel vom Bail zum Rachat, zugunsten des Herrn von Le Pallet
Vertrag des Maurice Maignen mit dem Herrn von Le Pallet, Peter Souvain
Pouillés der Diözese Nantes
Pensionsregister des Klosters Saint-Jouin-de-Marnes von 1579
Pouillé général von 1641/1648
Bericht des Archidiakon Binet
Benefizien der Abtei Saint-Jouin-de-Marnes
Abbé J.-J. Expilly: Le Pays Nantais et le diocèse de Nantes
Notiz des M. Verger über Le Pallet
Berichte des Architekten für die historischen Denkmäler, M. Nau, von 1851 390
 

 

Leseprobe

 

In eigener Sache


Es begann mit einem vagen Eindruck ...

Nachdem ich im Sommer 2003 unter der fachkundigen Führung Françoise und Guy Demangeaus von Association Culturelle Pierre Abélard in Le Pallet die Überreste der dortigen Turmburg besichtigt hatte, ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Es handelte sich hier weißgott um kein himmelragendes Bauwerk. Aber der ruinöse Mauerring aus Bruchstein, der durch landschaftsgärtnerische Maßnahmen gerade von grünen Schleier der Jahrhunderte befreit worden war, strahlte monumentale Würde aus. Seit Jahrhunderten lag er da, schwer in Mitleidenschaft gezogen und von den Durchreisenden wenig beachtet, aber dennoch unverfälscht und jungfräulich in seiner Substanz - gerade so, wie er dem planenden Geist seines Erbauers entsprungen war. So erhob er sich vor meinem inneren Auge neu: Schlicht zwar in der Ausführung, aber von immenser Masse. Er war alt, sehr alt sogar - Relikt aus grauer Vorzeit, steingewordener Atavismus ...

Wer hatte diesen Turm erbaut und zu welchem Zweck? Ist es etwa jener Turm, der der Ortschaft zu ihrem mittelalterlichen Namen Palatium - der Palast - verholfen hat?

Ich begann zu recherchieren. Nicht zuletzt ging es mir auch um den Philosophen und Theologen Peter Abaelard, der 1079 hier geboren wurde. Seiner biographischen Forschung hatte ich schon einige Jahre meines Lebens gewidmet. Nun aber ging es um mehr als um die Definition eines Geburtsortes. Es ging um seine gesamte Geschichte, um seine Anfänge.

Je hartnäckiger die Chroniken und Annalen zu den gestellten Fragen schwiegen, desto mehr brannten sie unter den Nägeln. Es existiert aus der Frühzeit lediglich eine Handvoll Quellen, die den Namen Le Pallet referieren, mehr nicht. Die dokumentarische Vernachlässigung des Ortes steht in krassem Widerspruch zum architektonischen Substrat. Le Pallet, dieser alte Durchgangsort an der Schnittstelle dreier politischer Zonen, des Anjou, des Poitou und der Bretagne, hat ganz unübersehbar ein individuelles Karma, welches ihn daran hinderte, aus dem Dunkel der Geschichte zu treten.

Wurden die Burg von Le Pallet und ihre Herren von den Chronisten bewusst verschwiegen? Und wenn ja, warum?

Die nachfolgende Studie ist das Resultat einer langwierigen Recherche, die aus der Distanz von mehr als tausend Kilometern Entfernung heraus durchgeführt wurde. Sie war überhaupt nur möglich, weil sie durch liebe Freunde vor Ort - Françoise und Guy, Marinette und Henri, sowie Mme und M. Roucou - eine aufopfernde Unterstützung fand. Ihnen sei an dieser Stelle besonders gedankt.

Es geht im Folgenden darum, durch Kombination topographischer, architektonischer und prosopographischer Details einen Gestalt zu zeichnen. Wenn schon die Primärquellen derart unergiebig sind, so sollen wenigstens die Erkenntnisse der überregionalen Geschichtsschreibung so auf den Ort Le Pallet projiziert werden, dass ein differenziertes Bild der Lokalgeschichte entsteht. Vielleicht gelingt es dadurch, auf die eingangs gestellten Fragen eine plausible Antwort zu finden. Zumindest aber mag der interessierte Leser einen Einblick in das Leben vergangener Zeit gewinnen, einen Einblick, der den Rahmen enzyklopädischer Geschichtsschreibung überschreitet.

Ich denke, dass die erarbeiteten Resultate das Wagnis wert waren; denn am Ende steht fest: Die Turmburg von Le Pallet ist ein historisches Unikat - dazu geeignet, die etablierten Konzepte der Architektur- und Landesgeschichte Frankreichs in einigen wichtigen Punkten zu modifizieren und zu erweitern.

Begeben wir uns auf die Reise in die Vergangenheit ...
 



Einleitung



„Ego igitur oppido quodam oriundus quod in ingressu minoris Britannie constructum ab urbe Namnetica versus orientem octo credo miliariis remotum proprio vocabulo Palatium appellatur sicut natura terre mee vel generis animo levis ita et ingenio extiti et ad litteratoriam disciplinam facilis ...“

„Ich bin in einer Festung am Eingang zur Bretagne geboren, die ungefähr acht Meilen östlich von Nantes gelegen ist und den Eigennamen ‚Palatium’ trägt. Erwies ich mich aufgrund der Wesensart meiner Heimat bzw. meiner Abstammung als leichtherzig, so zeigte ich in demselben Maße auch Talent und Eignung für eine wissenschaftliche Laufbahn ...“

Mit diesen Worten leitete der Philosoph und Theologe Peter Abaelard, dessen Leben zwischen 1079 und 1142 mich schon einigermaßen beschäftigt hat, die „Geschichte seiner Missgeschicke“ ein. Gemeint ist jener autobiographische Bericht, der seinen Verfasser - abgesehen von den dramatischen Lebensereignissen, die er wiedergibt - vor allem wegen der ausgedrückten Gefühlslagen berühmt machte und ihm posthum einen bedeutenden Platz in der Literatur- und Geistesgeschichte verlieh. Peter Abaelard schrieb den betreffenden Satz nicht aus großer räumlicher Distanz. In den Jahren zwischen 1130 und 1133, in denen er die Niederschrift bewerkstelligt haben muss, weilte er in nur 130 Kilometern Entfernung, in Saint-Gildas-en-Rhuys in der nördlichen Bretagne. Dieser Landesteil stellte für den gebildeten Philosophen wegen der fremden Sprache und der ungehobelten Bevölkerung alles andere als eine geistige Heimat dar. Es scheinen für Peter Abaelard Welten zwischen Saint-Gildas und Le Pallet gelegen haben, wenn er mit der besonderen Qualität des Mutterbodens nicht nur seine Intelligenz und sein wissenschaftliches Talent begründete, sondern auch seinen „animus levis“, also jenen Charakterzug, der ihm Zeit seines Lebens trotz aller fachlichen Eignung viel Ungemach und Anfeindung einbrachte. Nur ungenügend ist der facettenreiche Begriff in eine deutsche Übersetzung zu fassen: Neben einer gewissen Unbeschwertheit des Gemüts versinnbildlicht er auch eine gehörige Portion Leichtsinn, einen Freigeist, vielleicht auch ein aufbrausendes Wesen, Begeisterungsfähigkeit, lockere Manieren und eine legere Lebensart. In seiner Ambivalenz nimmt er - wie der weitere Verlauf der Autobiographie erweist - ganz unverkennbar schon am Anfang deren Quintessenz vorweg: Ruhm und Verdammnis, Schuld und Sühne werden zum einmaligen Erbe des heimatlichen Bodens und der Vorväter: So bin ich, Peter Abaelard, geboren worden. Gott helfe mir: Ich kann nicht anders!

Die fast tausendjährigen Worte zeigen also Gewicht und geben Anlass, die Heimat Peters Abaelard aufzusuchen und nach den Spuren zu suchen, die der Sturmwind der Geschichte dort übrig gelassen hat. Es geht u. a. darum, eine Antwort auf die Frage zu finden, inwiefern die „Natur des Heimatbodens und der Familie“ für den Aufstieg und Fall eines mittelalterlichen Genies mitverantwortlich sein konnte [...]
 


Resümee

In der vorliegenden Arbeit ging es in erster Linie darum, die Kluft zwischen der eindrucksvollen Architektur der Burg Le Pallet und ihrer dokumentarischen Bedeutungslosigkeit zu schließen. Desgleichen sollte sich der eigenartige Widerspruch klären, warum aus Le Pallet zwar ein Philosoph von Weltbedeutung, aber nicht ein einziger Politiker von Rang und Namen hervorging. Daneben faszinierte der Name des Ortes als solches; er reflektiert einen hohen Anspruch und bedurfte einer Erklärung: Palatium meint immerhin einen richtigen Palast, ein fürwahr ungewöhnliches Attribut für einen Ort der vorliegenden Großenordnung.

Es wäre vermessen zu behaupten, auf den zurückliegenden 300 Seiten wäre die Geschichte Le Pallets minutiös aufgezeichnet worden. Zu locker und weitgeknüpft ist das Netz der historischen Information, zu zahlreich sind die Variablen und Unbekannten, um einen derart hohen Anspruch vertreten zu dürfen. Eine archäologische Analyse des Ortes, welche die Befunde untermauern könnte, lässt bis dato auf sich warten.

So handelt es sich bei unserem Bericht vornehmlich um einen chronologisch angeordneten Quellenkommentar, durchsetzt mit Hintergrundinformationen zur gesamten Region, erst in zweiter Linie um eine Rekonstruktion der Geschichte Le Pallets im eigentlichen Sinn. Die Bildgestalt eines verlorenen Mosaiks wurde dadurch erschlossen, dass die zwischen den Originalteilen klaffenden Lücken mit einem Füllmaterial aus Querverweisen, Indizien und Rückschlüssen aus der Regionalgeschichte ausgeglichen wurden. Historischer Purismus, der nur das für gegeben hält, was als hieb- und stichfest, mit Namen und Datum, mit Beweis und Gegenprobe nachgewiesen werden kann, wäre hier fehl am Platz gewesen; er hätte unweigerlich zum Scheitern des Vorhabens geführt. „Il faut faire des hypothèses - Es ist notwendig, Hypothesen aufzustellen!“ Dieses ermunternde Wort des Lokalhistorikers M. Kervarec, der uns freundlicherweise zu einem Gespräch empfing, war uns Auftrag und Bestätigung zugleich. Am Ende entstand tatsächlich ein Bild, virtuell zwar in manchen Teilen, aber einigermaßen in sich schlüssig. Es ließ sich ein roter Faden spinnen, der viele Phänomene, die - für sich allein gesehen - schwer verständlich wären, in eine geordnete Abfolge und einen plausiblen Gesamtzusammenhang brachte. Darüber hinaus zeitigte die Recherche auch einige Überraschungen. Am Ende war ich mir sicher, dass in einigen Punkten die Werke der Landes- und Architekturgeschichte umzuschreiben sind.

Fassen wir zusammen:

Wenn es angesichts der fragmentarischen Informationen überhaupt statthaft ist, auf gemeinsame Attitüden und Handlungsprinzipien zurückzuschließen, die die Vertreter des ersten Hauses Le Pallet in den zwei Jahrhunderten seiner Herrschaft prägten, so stellt man fest:

Obwohl die Palletais durchaus als engagiert und interessiert erscheinen, bleibt ihr politischer Aktionsradius alle Zeit eigenartig beschränkt. In den Grand affaires der Bretagne sind sie ebenso wenig vertreten wie in denjenigen des Anjou. Vergebens sucht man sie in den Annalen und in den großen Verträgen der Epoche. In den wenigen Dokumenten, in denen sie überhaupt erwähnt werden, wirken ihre Kontakte formell und unpersönlich. Möglicherweise hing ihnen als Bretons gallo, welche einst im Nantais südlich der Loire durch die Angeviner installiert worden waren, der Odem geringer Verlässlichkeit an: Für die Bretons bretonnants nördlich der Loire blieben sie heimliche Sympathisanten des Anjou, den Angevinern nach Gottfried Graumantel waren sie als gebürtige Bretonen verdächtig, und für die poitevinischen Nachbarn im Süden galt sowohl der eine wie der andere Vorbehalt. Spätestens ab 1040, vielleicht schon früher, bemühten sie sich um Loyalität gegenüber dem Grafen von Nantes, später gegenüber dem Herzog der Bretagne. Diese Gefolgstreue mündete jedoch nicht selten in politische Unbeweglichkeit. Obendrein stellten sich ihre Koalitionen als wenig vorteilhaft für die Weiterentwicklung des Ortes heraus. Deshalb erreichte kein Herr von Le Pallet, obwohl im Besitz der größten Turmburg des Westens befindlich, den Gipfel der politischen Karriere, weder im Anjou noch in der Bretagne.

Zumindest scheint der Ort in all dieser Zeit von größeren Naturkatastrophen und Kriegshandlungen verschont geblieben sein. Die Böden auf den Abhängen der Sèvre waren fruchtbar, und die Zusammenarbeit mit dem Konvent in Vertou forcierte den ökonomischen Aufschwung in Form des Weinbaus. Der Wein war es schließlich, der bis in die Neuzeit hinein die Domäne Le Pallet für Investoren attraktiv machte und dem Ort bis heute seinen Ruf bewahrt hat.

Der Besitzstand des ersten Hauses Le Pallet war komplex: Ein Großteil des Grundbesitzes erstreckte sich ins Anjou hinein, während der Fundus im Nantais zunächst nur einige Quadratkilometer um das Oppidum herum umfasste. Im Süden grenzte alsbald die konkurrierende Schlossherrschaft Clisson an, mit der man sich einige Orte teilen musste, im Nord-Westen reichte die Herrschaft nur bis zur Klosterdomäne von Vertou; die grüne Grenze lag bei La Haye-Fouassière. Vertou selbst verfügte aufgrund alter lehenseidlicher Bande über einige Liegenschaften innerhalb der Herrschaft Le Pallet selbst.

Darüber, wie sich vor Ort das Verhältnis zwischen der Herrenfamilie und der alteingesessenen Bevölkerung entwickelte, liegen so gut wie keine Informationen vor. Aber wenn man in der Geschichte der Schlossherrschaft zwischen den Zeilen liest, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ersten Herren von Le Pallet eine eigenartige Ambiguität prägte: Vermutlich waren sie rührig, arbeitssam, geduldig und tief gläubig, aber durch ihr spezielles Karma auch zeitweise aufsässig, lebhaft und eigensinnig. Je isolierter sie aufgrund ihrer topographischen Randlage und ihrer familiären Herkunft waren, desto stolzer waren sie vermutlich auf ihre Abstammung und die Größe ihrer Vergangenheit. Unzählige Male frustriert über ihre unbefriedigende politische Situation, wird ihnen die innere Unabhängigkeit ein hoher Wert geworden sein. Dieses Streben nach Freiheit und Aktionsfähigkeit verführte sie jedoch bisweilen dazu, sich in politische Utopien zu verlieren oder zweifelhaften Koalitionen anzuhängen. Wenn es darauf ankam, war ein Herr wie Daniel von Le Pallet in seinem Non-Konformismus nicht einmal abgeneigt, sich einer offenen Rebellion anzuschließen und in diesem Zusammenhang Straßenräubereien zu begehen. Auf der anderen Seite würde es verwundern, wenn den Palletais die häufigen Rückschläge nicht auch ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber illusorischen Versprechungen, eine tiefe Aversion gegen Gängelungsversuche von Außen und ein gesteigertes Rechtsempfinden eingebracht hätten, vielleicht sogar im Einzelfall ungute Rache- und Revanchegefühle. Allerdings ließ es ihre Religiosität nicht zu, einmal begangenes Unrecht längere Zeit ungesühnt zu lassen. So betätigte z. B. derselbe Daniel, der in seiner Jugend so sehr aufbegehrt hatte, im Alter als edler Spender und Wohltäter von Konventen.

Es wäre uns nicht wert gewesen, all diese aus der Recherche extrapolierten Haltungen zu erwähnen, wenn sie sich nicht so wunderbar in den bekannten Wesenszügen Peters Abaelard wiederspiegeln würden, der mit der Herrenfamilie verwandt war. Der Philosoph, der in seiner aktiven Zeit wegen seiner genialen Ideen, seinem Drang nach intellektueller Freiheit, seiner Streitbarkeit und seinem Non-Konformismus ebenso sehr verehrt wie gehasst wurde, hatte das Glück, die genannten Haltungen seiner Vorfahren in der einzigen längeren Friedens- und Ruhephase in sich aufzunehmen, die dem Ort Le Pallet im Mittelalter vergönnt war. Die unauslöschlichen Eindrücke seiner Kindheit, die er dort verbrachte, veranlassten ihn zu dem eingangs erwähnten Wort: „Ich erwies mich aufgrund der Wesensart meiner Heimat bzw. meiner Abstammung als ein Mensch leichten Herzens ...“

Deutlich zu machen, was er damit gemeint haben könnte, war ein weiteres Ziel dieser Arbeit.

 

 


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