Arnold von Brescia

Der italienische Geistliche und Sozialrevolutionär Arnold von Brescia war vermutlich zu zwei Zeitpunkten der Schüler Abaelards: während seiner frühen Erfolgsphase, eventuell in der Paraklet-Zeit, und dann wieder nach der Verurteilung durch das Konzil von Sens. Was verband die beiden? Auf jedem Fall ihre spiritualistische Armutsauffassung. Kirche Christi sollte eine Kirche der Armen sein. Arnold wurde von Bernhard von Clairvaux als Waffenträger Abaelards bezeichnet. Bestürzt über deren gemeinsames Auftreten meldete Bernhard nach Rom:
Sibilavit apis, quae erat in francia, api de italia.

Gesummt hat es ja die Biene aus Frankreich der Biene aus Italien.

Bernhard von Clairvaux

Geboren wurde Arnold von Brescia um 1100, vielleicht auch etwas früher. Als junger Mann ging er nach Paris und studierte dort bei Abaelard. Über die genaue Studienzeit ist nichts bekannt. Um 1116 hatte dort Abaelard begonnen, die Theologie zu lehren. Zu dieser Zeit stieß Arnold auf ihn; er blieb wahrscheinlich bis ca. 1125 in Paris.

Ingenio perspicax, pervicax in studio scripturarum, facundus eloquio, et contemptus mundi vehemens predicator...

Er war von hoher Intelligenz, beschlagen in der Heiligen Schrift, sehr redegewandt - ein Prediger, der leidenschaftlich die Weltverachtung verkündete...

Johannes von Salisbury

In mehreren Quellen wird Arnold von Brescia als Subdiakon genannt. Im Jahre 1139 nach Brescia zurückgekehrt, wurde er Regularkanonikerpropst in einer dortigen Kanonie. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er Augustinerchorherr und unterstützte die Kommune von Brescia gegen die hohe Geistlichkeit. Er predigte gegen die Verweltlichung des Klerus und gegen den kirchlichen Reichtum. Mit Bischof Manfred geriet der Propst Arnold von Brescia in einen schweren Konflikt, der dazu führte, dass der Bischof ihn auf dem Zweiten Laterankonzil 1139 bei Papst Innozenz II. anklagte. Auch in Mailand soll Arnold Unruhe gestiftet haben, was durch einen Hinweis Bernhards von Clairvaux gestützt wird. Er wurde daraufhin vom Papst zum Schweigen verurteilt - was zur Folge hatte, dass er sein Amt als Propst verlor und Italien verlassen musste.

Arnold ging erneut nach Frankreich und geriet dort in den Konflikt zwischen Abaelard auf der einen und Bernhard von Clairvaux und einigen Bischöfen Frankreichs auf der anderen Seite. Arnold kam vermutlich erst nach dem Konzil von Sens. Dass er in Paris im Gefolge Peter Abaelards - als sein Schüler - auftrat, ist durch Johann von Salisbury, aber auch durch andere Quellen belegt:

Arnaldus iste... Petrum Abailardum olim preceptorem habuerat...

Dieser Arnold hatte... einst Peter Abaelard als Lehrer gehabt...

Otto von Freisung, Gesta Friderici, II, 27, Waitz, 133   

Arnaldus hereticus et scismaticus de Brixia discipulus magistri Petri Abailart...

Der Ketzer und Schismatiker Arnold von Brescia war ein Schüler des Meisters Peter Abaelard...

Sigeberti Auctarium Alligemense, MGH.SS.VI, 403  

1178 (sic) Hoc tempore surrexit quidam magister Arnaudus nomine, magistri Petri Abelardi discipulus, qui multa contra Romanam ecclesiam predicabat...

1178. Zu dieser Zeit erhob sich ein Meister namens Arnold von Brescia, ein Schüler Peter Abaelards, der viel gegen die Kirche in Rom predigte...

Annales Sancti Taurini Ebroicensis, MGH.SS.XXVI, 509

Mit seinem Eingreifen in den längst nicht beigelegten Konflikt verschärften sich die Auseinandersetzungen, was an Inhalt und Form der Briefe Bernhards von Clairvaux zu erkennen ist. Peter Abaelard und Arnold von Brescia - bis dahin kaum miteinander bekannt - wurden nunmehr in den Quellen zusammen genannt. Nachdem Abaelard gemeinsam mit Arnold im Jahre 1141 als Häretiker verurteilt worden war, verließ er seinen Lehrstuhl, den nun wohl Arnold von Brescia einnahm. Arnold konnte sich dort vielleicht ein Jahr halten. Er soll den armen Studenten laut Johann von Salisbury kostenlosen Unterricht erteilt haben, bis Bernhards Intervention beim französischen König Ludwig VII. zu seiner Vertreibung führte (1141 oder 1142).
Ob quam causam a domino Innocentio papa depositus et extrusus ab Italia, descendit in Franciam et adhesit Petro Abaielardo, partesque eius cum domino Iacincto, qui nunc cardinalis est, adversus abbatem Clarevallensem studiosius fovit. Postquam vero magister Petrus Cluniacum profectus est, Parisius manens in monte sancte Genovefe divinas litteras scolaribus exponebat apud sanctum Hylarium, ubi iam dictus Petrus fuerat hospitatus. Sed auditores non habuit nisi pauperes et qui ostiatim elemosinas publice mendicabant, unde cum magistro vitam transigerent...Episcopis non parcebat ob avariciam et turpem questum, et plerumque propter maculam vite, et quia ecclesiam Dei in sanguinibus edificare nituntur...

Deshalb wurde er vom Papst Innozenz abgesetzt und aus Italien vertrieben, wechselte nach Franzien und wurde Anhänger Peter Abaelards. Dessen Partei favorisierte er zusammen mit dem Herrn Kardinal Hyazinth, gegen den Abt aus Clairvaux, und dies mit ziemlichem Eifer. Nachdem aber Meister Peter nach Cluny aufgebrochen war, blieb er noch in Paris auf dem Genovevaberg, legte den Studenten die Heilige Schrift bei der Kirche des Heiligen Hilarius aus, wo auch schon der besagte Peter beherbergt worden war. Aber er hatte nur die Bettelstudenten um sich, die in aller Öffentlichkeit von Haus zu Haus zogen und Almosen erbettelten, um mit ihrem Meister das Leben zu fristen... Er schonte auch nicht die Bischöfe wegen ihres Geizes und schändlichen Erwerbs, und am meisten wegen ihres schmutzigen Lebenswandels, und deswegen, weil sie dazu neigten, die Kirche Gottes auf Blut zu erbauen...

Johann von Salisbury, Hist. Pont., Ausgabe Chibnall, Seite 63f.

Per praesentia scripta fraternitati vestrae mandamus quatenus Petrum Abaelardum et Arnaldum de Brixia, perversi dogmatis fabricatores et Catholicae fidei impugnatores, in religiosis locis, ubi vobis melius visum fuerit, separatim faciatis includi, et libros erroris eorum, ubicunque reperti fuerint, igne comburi...

Durch vorliegendes Schreiben befehlen wir Eurer Brüderlichkeit, Peter Abaelard und Arnold von Brescia als Urheber verkehrter Lehren und als Feinde des katholischen Glaubens in ein Kloster Eurer Wahl einzuschließen, aber beide getrennt, und die Bücher ihrer Irrlehren, wo immer sie auftauchen, zu verbrennen...

Innozenz II.

Arnold von Brescia flüchtete sich nach Deutschland. Wenig später war er in der Diözese Konstanz zu finden, an deren Bischof Bernhard in der Sache Arnold schrieb. Das spricht für die Glaubwürdigkeit der entsprechenden Angabe Ottos von Freising, nach der er in Zürich angeblich unter falschem Namen lehrte. Vermutlich im Jahre 1142, vielleicht auch erst 1143, schloss sich Arnold einer Legation des Kardinals Guido nach Böhmen und Mähren an und traf 1145 oder 1146, zu Beginn des Pontifikats Eugens III., mit der Legation in Rom ein. Unter Vermittlung Guidos wurde Arnold von Brescia wieder in die Kirche aufgenommen. Er gelobte Gehorsam und empfing als Strafe, an den heiligen Orten Roms zu fasten, zu wachen und zu beten.
Exinde post mortem domni Innocentii reversus est in Italiam, et promissa satisfactione et obediencia Romane ecclesie, a domno Eugenio receptus est apud Viterbum. Iniuncta est ei penitentia, quam se in ieiuniis, vigiliis, et orationibus circa loca sancta, que in Urbe sunt, professus est esse facturum et quidem de servanda obediencia sollempne prestitit iuramentum. Dum sub optentu penitentis Rome degeret...   

Von dort kehrte er nach dem Tod des Herrn Innozenz nach Italien zurück, versprach Genugtuung und Gehorsam gegenüber der römischen Kirche. So wurde er bei Viterbo von Papst Eugen empfangen. Es wurde ihm eine Buße auferlegt - Fasten, Wachen und Gebete an den heiligen Orten in der Stadt - und er versprach, sie zu leisten. Ja, er schwor sogar feierlich, er werde den Gehorsam beachten. Während er so unter dem Vorwand eines Büßers in Rom lebte...

Johann von Salisbury

Kurz zuvor, im Jahr 1143, hatte sich eine einflussreiche Gruppe von Römern gegen Papst Innozenz II. und den hohen römischen Adel erhoben und die Stadtregierung an sich genommen. Es ist unzweifelhaft, dass die Antikenrezeption - d.h. die Errichtung einer Stadtrepublik nach antikem Vorbild - dabei eine wesentliche Rolle spielte. Es fanden die Senatoren, wie sich die Angehörigen dieser Gruppe nannten, ihre Entsprechung in den Senatoren der Antike, vermittelt durch das Bild, das die gerade entstandenen Mirabilia Urbis Romae von der römischen Republik und der augusteischen Zeit gaben. Daher rührt der Name der Erhebung: Renovatio Senatus. Hier hinein geriet Arnold von Brescia zwischen 1145 und 1148.
Quare reedificandum Capitolium, renovandam dignitatem senatoriam, reformandum equestrem ordinem docuit...

Er lehrte, wie das Kapitol wieder zu errichten, die Senatorenwürde zu erneuern, der Ritterstand zu reformieren sei...

Otto von Freising

Quin eciam titulos Urbis renovare vetustos patricios recreare viros, priscosque quirites nomine plebeio secernere nomen equestre Iura tribunorum, sanctum reparare senatum...

Ja sogar, die alten Titel Roms zu erneuern, Männer zu Patriziern zu wählen, die alten,Quiriten von der Plebs zu trennen, den Ritterstand, die tribunizischen Rechte, den heiligen Senat zu errichten...

Ligurinus

Arnold von Brescia hatte während der Abwesenheit des Papstes, spätenstens seit 1148, in Rom wieder zu predigen begonnen. Er verunglimpfte die Kardinäle, deren Versammlung wegen der Überheblichkeit und Gier und vielfacher Schändlichkeit nicht die Kirche Gottes sei, sondern das Haus der Schande und eine Räuberhöhle. Die Kardinäle würden die Geschäfte der Schreiber und Pharisäer im christlichen Volk ausüben. Papst Eugen II. war noch auf dem Rückweg aus Frankreich, als er Arnold verurteilte. Er erließ am 15. Juli 1148 in Brescia einen Brief an den gesamten römischen Klerus:

Fallax et invidus humani generis inimicus per Arnaldum schismaticum quasi per membrum proprium, hoc effecit, ut quidam capellani unitatem ecclesie quae sectionem non patitur, quantum in eis est, dividentes, ipsius Arnaldi sequantur errorem...

Der betrügerische und hinterhältige Feind des Menschengeschlechts erreichte durch den Schismatiker Arnold, wie durch ein eigenes Glied, dass einige Kapläne die Einheit der Kirche, die eine Zerstückelung nicht zulässt, soweit es an ihnen lag, teilten. Sie folgten nämlich dem Irrtum dieses Arnolds.

Per praesentia vobis scripta mandamus atque praecipimus quatenus praefatum Arnaldum tanquam schismaticum modis omnibus devitetis...

Durch die vorliegende Schrift übergeben wir Euch ihn und weisen Euch an, dass Ihr genannten Arnold in jeder Weise wie einen Schismatiker meiden sollt...

Papst Eugen III.

Arnolds Lehre hatte also auch Erfolg beim niederen Klerus, was diese Verurteilung außer Zweifel stellt. Von Häresie ist hier aber noch nicht die Rede. Am 23. März 1153, im Vertrag von Konstanz, versprach Eugen König Friedrich die Krönung zum Kaiser. Die Umsetzung der Arnold von Otto von Freising zugeschriebenen Überzeugung, der Papst habe in Rom nichts anzuordnen und solle sich mit der kirchlichen Gerichtsbarkeit begnügen, war mit diesem Abkommen zwischen Kaiser und Papst unmöglich geworden, da Barbarossa eine feste Größe im Konzept der Renovatio Senatus, wie auch Arnolds von Brescia war. Nachdem Eugen III. am 8. Juli 1153 in Tivoli gestorben war, folgte Papst Anastasius IV. in kurzer Amtszeit. Papst Anastasius' Nachfolger auf dem Stuhl Petri, Hadrian IV., versicherte sich bei Wibald von Corvey, dass dieser sich für ein Eingreifen Barbarossas einsetzte. In dem Kampf zwischen römischen Bürgern und dem Papst kam es schließlich auch zu Handgreiflichkeiten. So wurde der Kardinalpresbyter G. Sanctae Pudentianae auf dem Weg zum Papst - angeblich auf Geheiß Arnolds von Brescia - auf der Via Sacra tödlich verwundet. Otto von Freising meinte, Arnolds giftige Lehre hätte dazu geführt. Der Papst belegte die gesamte Stadt mit dem Interdikt und schloß sie damit für eine Weile von jedem Gottesdienst aus - mit dem Erfolg, dass die Senatoren der Stadt im Auftrag des Volkes, wie es bei Boso heißt, zum Papst gingen und sich bereit erklärten, Arnold aus der Stadt zu vertreiben. Daraufhin wurde die Stadt vom Interdikt befreit. Arnold von Brescia wurde bei Otriculo von Magister Oddo, Diakon von Sankt Nikolaus, gefangen genommen. Dort nahmen die Vizegrafen der Campagnia dem Magister Oddo den Gefangenen ab und gewährten Arnold Schutz. Der König ließ seinerseits nun einen der Vizegrafen gefangen nehmen und gegen Arnold austauschen, den er den Gesandten des Papstes übergab, die sich bei ihm aufhielten. Arnold wurde jedoch trotz seiner Übergabe an die Kardinäle im Juni 1155 dem weltlichen Gericht des Königs vorbehalten. Friedrich Barbarossa ließ sich ein paar Wochen später von Papst Hadrian IV. in der Peterskirche zum Kaiser krönen. Arnold von Brescia wurde vom Präfekten der Stadt Rom, der Statthalter des Papstes war, und unter dessen Wache er gehalten wurde, dem Henker übergeben. Nach Arnolds Tod wurden seine Überreste verbrannt und die Asche in den Tiber gestreut, um seine Reliquie nicht zum Objekt der Verehrung zu machen.


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